Region Bonn: Das Silicon Valley der Geoinformatik
Es klingt vermessen, aber geht es um digitale geographische Daten, gleicht die Region Bonn mindestens dem jungen Silicon Valley der 50er Jahre. Mit anderen Worten: Die Region hat Potenzial und Zukunft. Es kommt daher darauf an, die richtigen Weichen zu stellen.
Von Dr. Ulrich Ziegenhagen
Die Informations- und Kommunikationstechnik, wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand, prägt heute unseren Alltag in einer Weise, wie es noch in den 50er Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Doch schon damals wurden dafür die Grundlagen gelegt: 1954 gründete William Shockley in Palo Alto die Shockley Transistor Corporation und schon in den ersten acht Jahren entstanden daraus weitere zehn Unternehmen, allesamt gegründet von abgewanderten Ingenieuren. Darunter befanden sich auch Robert Noyze und Gorden Moore, die Intel aus der Taufe hoben. Begleitet wurde dieser Prozess vom frisch ins Leben gerufenen Stanford Research Institut, das sich industrienahe Forschung und einen regen Austausch zwischen Wissenschaftler und Unternehmern auf die Fahne geschrieben hatte. Es ermunterte zugleich seine Studenten, sich mit ihren Ideen selbstständig zu machen.
Das ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte und das waren die Zutaten, aus dem denen die größte und bedeutendste High-Tech Region der westlichen Welt entstand: Eine neue, noch junge Branche, ausgeprägter Unternehmergeist, eine enge Verzahnung von Industrie und Wissenschaft und schließlich bedeutende, weltweit agierende Großunternehmen als Kristallisationspunke, die beständig Know-how und Kapital anzogen und auch abgaben.
Alle diese Zutaten sind in der Region Bonn in gleicher Weise vorhanden.
Die Geoinformatik als Wissenschaft und die Geoinformationswirtschaft als Branche ist vergleichsweise jung. Erst seit Ende der 90er Jahre hat sich diese Nische innerhalb der Informationstechnologie mehr und mehr zu einem eigenen Spielfeld entwickelt. Wachsende Rechnerkapazitäten, Aufbau und schließlich zivile Freigabe eines zuvor ausschließlich militärisch genutzten globalen Satellitennavigationssystems (GPS) im Jahr 2000 sowie die Entwicklung der Computergraphik haben das eher traditionell geprägte amtliche Vermessungswesen und die Kartographie mit einem Schlag in die Informationsgesellschaft katapultiert. Inzwischen sprechen Geographen von der Neo-Geography und meinen damit die neue Allgegenwart von Geodaten: im Navigationssystem im Auto oder als digitale Globen im Internet, die es jedermann erlauben, Luftbilder des eigenen Hauses in Augenschein zu nehmen. Hinzu kommen ungezählte spezialisierte Anbieter, die räumliche und raumbezogene Informationen jeder erdenklichen Art digital zur Verfügung stellen. Von Wasserschutzgebieten bis zur Kaufkraftverteilung, von Landnutzungen bis zu Kriminalitässchwerpunkte im so genannten Crime-Mapping: Informationen enthalten fast immer einen räumlichen Anteil, den man anschaulich darstellen und analytisch nutzen kann.
In der Region Bonn sitzen zahlreiche Experten dieser jungen Branche: als Unternehmer, als Wissenschaftler und als professionelle Nutzer. Über 20 kleinere und mittlere Unternehmen mit rund 1000 Beschäftigten sind direkt der Geoinformationswirtschaft zuzurechnen, darunter sind Niederlassungen von US-Unternehmen ebenso wie etablierte Mittelständler und Unternehmensgründungen von Studenten und Absolventen der geowissenschaftlichen Studiengänge in Bonn. Und die Region ist international präsent: Von den 35 deutschen Mitgliedern im Open Geospatial Consortium, das weltweit die technischen Standards für die Arbeit mit Geodaten definiert, haben allein zehn eine Niederlassung oder ihren Sitz in der Region Bonn.
International agieren auch Konzerne wie Deutsche Post World Net AG oder Deutsche Telekom, die ebenfalls – teilweise in eigenen Abteilungen und Stabsstellen – Geoinformationen nutzen, erzeugen und anbieten. In Troidsorf hat die DHL einen zweistelligen Millionenbetrag in sein Logistik-Innovationszentrum investiert. Dort untersucht das Unternehmen zusammen mit Partnern wie IBM, Intel, Philips, SAP und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), wie sich Geodaten und Satellitennavigation in der Logistik, in der Routenplanung intermodaler Verkehre oder in der Frachtverfolgung gewinnbringend nutzen lassen. Die geowissenschaftlichen Institute der Universität Bonn zählen zur Spitze von Lehre und Forschung in Deutschland. Mit dem interdisziplinär von zahlreichen Fachbereichen und Instituten der Universität getragenen Technologiezentrum Geoinformationssysteme (TZGIS) sowie dem gleichfalls international agierenden Zentrum für Fernerkundung der Landoberfläche (ZFL) existieren herausragende Forschungseinrichtungen. Das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) in St. Augustin hat mit dem Geschäftsfeld „Geo-Intelligenz“ seinen Fokus auf die Nutzung von Geoinformationen im Bereich von Marketing & strategischer Unternehmensführung gelegt.
Daneben gibt es wichtige öffentliche Arbeitgeber in der Region, die sich im Kern mit Geoinformationen befassen. Das sind neben den Vermessungsämtern der Kommunen, insbesondere der Stadt Bonn, die nordrhein-westfälische Vermessungsverwaltung Geobasis.NRW, das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) mit Einrichtungen in Köln und Bonn und das Amt für das militärische Geoinformationswesen in Euskirchen, das dort allein über 1000 Mitarbeiter beschäftigt.
Es ist also alles vorhanden, um aus der Region Bonn tatsächlich ein Silicon Valley der Geoinformatik zu machen. Mit der Geoinitiative Bonn treiben die Ämter für Wirtschaftsförderung aus Bonn, aus dem Rhein-Sieg-Kreis und aus dem Kreis-Ahrweiler sowie die Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn Rhein-Sieg deshalb einen Prozess der Cluster-Bildung gemeinsam voran. Eine neutrale Instanz soll für die wichtige Vernetzung all der genannten Akteure sorgen. Das ist vor allem eine Aufgabe der Kommunikation, sowohl nach innen wie nach außen. Nach innen geht es darum, wettbewerbsneutral das Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz zu moderieren, in dem sich die Unternehmen naturgemäß bewegen. Die Arbeit an einem „Geo-Cluster“ bedeutet, aus informeller Kommunikation zwischen einzelnen Handelnden, formale Kontakte zwischen Unternehmen zu machen und wo immer es möglich ist, neue Wertschöpfungsketten in der Zusammenarbeit zu definieren sowie zu etablieren. Nur dann ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Nach außen bedeutet es, den übergreifenden Nutzen und den Querschnittcharakter von Anwendungen der Geoinformatik in anderen Wirtschaftszweigen deutlich zu machen.
Und nicht zuletzt geht es um die spezialisierte Profilbildung eines Standorts, der sich als Wissenschafts- und IT-Region bereits einen Namen gemacht hat, aber in einem globalen Wettbewerb der Standorte weitere Alleinstellungsmerkmale braucht. Geoinformation in der Region Bonn soll ein Markenartikel werden, der in der Lage ist, weiteres Know-how und Kapital einer wachstumsorientierten und jungen Branche anzuziehen. Dabei wird der Region zugleich nichts Künstliches übergestülpt, sondern es werden einfach die vorhandenen Potenziale genutzt.
Nichts anderes ist in den zurückliegenden Jahrzehnten zwischen Palo Alto und San Franzisko geschehen.
Zum Autor:
Dr. Ulrich Ziegenhagen ist stellvertretender Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung der Bundesstadt Bonn und hat in dieser Funktion das Clustermanagement für die Geoinitiative Bonn / Rhein-Sieg / Ahrweiler übernommen.


























