deegree-day und OpenStreetMap: Welten trafen aufeinander
Erstmals haben das Geographische Institut der Universität Bonn und das Unternehmen lat/lon den jährlichen deegree-day mit einem Thementag zu OpenStreetMap (OSM) kombiniert. Das Ergebnis war auch eine Begegnung der Kulturen im Forschungszentrum Caesar: Einerseits die professionellen Geoinformatiker, die sich den Standards des Open Geospatial Consortiums (OGC) verpflichtet sehen, andererseits die Freizeit-Mapper, die im Geiste einer Wikipedia an einer freien Weltkarte arbeiten und die Geo-Objekte und Attribute darin pragmatisch und ohne Rücksicht auf allgemeine Standards definieren. Das interessierte am Ende auch Steve Coast, den aus Großbritannien stammenden Gründer von OpenStreetMap, der überraschend Bonn und den deegree-day besuchte.
Es ist ein bunt gemischtes Publikum, das am 26. Mai 2009 im Hörsaal des Bonner Forschungszentrums „caesar“ den Ausführungen von Sebastian Goerke lauscht. Goerke ist studentischer Mitarbeiter bei „lat/lon“, einem in Bonn ansässigen Unternehmen, das Know-how und Software für Geodateninfrastrukturen auf Basis des Open-Source-Produktes „deegree“ liefert. Sein Vortrag zeigte, wie man einen Web Map Service mit „deegree“ und auf Basis der frei verfügbaren OpenStreetMap-Daten aufbauen kann. Seine Zuhörer kamen deshalb nicht nur aus der klassischen Geoinformatikbranche, sondern unter ihnen waren auch zahlreiche „Mapper“, die – meist ohne professionellen Hintergrund – Daten für die freie Wiki-Weltkarte „OpenStreetMap“ sammeln.
„Wir haben festgestellt, dass sich die Communitys von „deegree“ und von OSM zwar beide dem Thema „Open Source“ im Bereich Raumbezug verschrieben haben, sie dennoch aber nicht viele Berührungspunkte besitzen. Man weiß nicht viel voneinander und könnte doch vielleicht Synergien nutzen“, erklärt Jens Fitzke, Geschäftsführer von lat/lon. Sein Unternehmen hatte deshalb gemeinsam mit der Uni Bonn zur kostenlosen „OpenStreetMap“-Veranstaltung eingeladen, die im Vorfeld des jährlichen „deegree days“ stattfand.
Im Fokus stand die Frage, ob und wie sich die OSM-Daten in professionellen Anwendungen nutzen lassen. Dass dies möglich ist, zeigen Projekte der Uni Bonn. Das ist unter anderem ein europaweiter Routingdienst mit OSM-Daten, der auch eine ortsbezogene Umgebungssuche, einen Geocoder und einen Dienst zur Erreichbarkeitsanalyse enthält.

Kurze Kaffeepause (links): Im roten T-Shirt der „Mapper“ Harald Schwarz. Er schätzt die Freiheit innerhalb von OSM. Links: Diskussion zu den Möglichkeiten von OSM. Prof. Alexander Zipf sowie im orangen Shirt: lat/lon-Mitarbeiter Sebastian Goerke
Die Vor- und Nachteile lassen sich schnell auf den Punkt bringen. „Positiv ist, dass die Daten kostenlos, frei verfügbar und aktuell sind. Außerdem enthalten sie sehr viele individuelle Tags, die ganz neue Anwendungen ermöglichen“, erklärt Alexander Zipf, Professor für Kartographie am Geographischen Institut der Uni Bonn. Eher nachteilig sei hingegen, dass die Wiki-Karte in der Fläche noch nicht vollständig ist. Die uneinheitliche Benennung und Kategorisierung der kartierten Features mache es zurzeit noch notwendig, viele Daten vor einer weiteren Nutzung nachträglich zu bereinigen. Er sei aber überzeugt, dass die Daten künftig vollständiger und fehlerfreier werden, denn die Wiki-Weltkarte funktioniere ja nach demselben Prinzip wie beispielsweise Wikipedia. „Dort gibt es genug Selbstkontrolle“, glaubt Zipf.
Er sieht ähnlich wie Fitzke die Annäherung der Geoinformationsbranche an die OSM-Gemeinde als einen wichtigen Schritt. Für den „OpenRouteService“ gibt es bereits erste Anfragen von professionellen Nutzern wie Feuerwehren, die von der hohen Aktualität der OSM-Daten profitieren könnten. Und die „Mapper“ freuen sich über die wachsende Anerkennung und Akzeptanz ihres Hobbys. Harald Schwarz, der seit 2007 aktiv „mappt“, findet es jedenfalls nicht befremdlich, wenn seine Daten von „Profis“ genutzt werden. Allerdings will er die Freiheit des Mappers nicht missen. „OpenStreetMap lebt davon, dass jeder seine Ideen einbringen kann. Es wäre schade, wenn plötzlich festgelegt werden würde, welche Angaben in die Karte aufgenommen werden dürfen und welche nicht.“
Das bestätigte auch OSM-Gründer Steve Coast, der für alle Beteiligten – Veranstalter wie Teilnehmer – überraschend auftauchte und zum Abschluss seine Sicht auf den Werdegang und das Erfolgsrezept des Projekts beisteuerte: „Eine der wichtigsten Entscheidungen in OpenStreetMap war das open tagging system, mit dem nicht von vornherein festgelegt wird, was und wie kartiert wird. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, welche Anwendungen auf der Basis von OpenStreetMap realisiert werden.“ Als Beispiele nannte er OpenStreetMap-3D oder das Rollstuhlrouting.


























