Text Drucken Text Drucken Beitrag verschicken Beitrag verschicken PDF erzeugenPDF erzeugen
Home » Netzwerk

“Die Geobusiness Region Bonn muss zur Marke werden”

6. Januar 2010

Professor Dr. Klaus Greve ist geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Im Interview erläutert der Experte, warum Unternehmen der Geoinformationswirtschaft in der Region Bonn so zahlreich sind, wie sie von ihrer Nähe profitieren können und warum Cluster Ähnlichkeiten mit einer Kneipengasse haben.

Warum ist Bonn ein bedeutender Standort der Geoinformatik?

Das hat eine Reihe auch historisch bedingter Ursachen. Ich nenne nur mal drei: Bonn selbst war mehrere Jahrzehnte Bundeshauptstadt und hat dadurch in der Stadt und im Umland zahlreiche Behörden und Entscheidungsstellen der Sicherheitsorgane von Militär bis zum Bundeskriminalamt beherbergt. Das sind klassische Anwender von geographischen Informationen. Dann ist Bonn über Jahrzehnte zentraler Sitz des Landesvermessungsamtes Nordrhein-Westfalen gewesen. Das war bis zu seiner Eingliederung in die Strukturen der Bezirksregierung Anfang diesen Jahres immerhin die größte Vermessungsverwaltung in Mitteleuropa, die nicht nur Aufträge an spezialisierte IT-Dienstleister vergeben konnte, sondern zugleich sehr innovativ agiert hat. Und drittens spielt die Universität eine wichtige Rolle. Eine Reihe von Unternehmen sind Gründungen unserer Absolventen oder sind als Ausgründungen von Forschungsprojekten entstanden. Das alles hat in der Region zu einer Ansammlung von Know-how geführt, wie sie in Deutschland einmalig ist.


Welchen Nutzen haben die Firmen von diesem konzentrierten Knowhow?

Das ist unterschiedlich und hängt von der Position eines Unternehmens ab. Einen hohen Nutzen haben junge und kleine Unternehmen, die in ihrer Kommunikation und Außenwirkung noch keine große Reichweite haben. Sie profitieren von einem Netzwerk aus persönlichen Kontakten, denn so funktioniert ein Cluster: Menschen pflegen eine informelle Kommunikation, weil es Anlässe dazu gibt und die räumliche Nähe der Unternehmen zueinander macht es leicht, diese Anlässe zu finden. Und spontane, nicht formalisierte Kommunikation ist ein entscheidender Nährboden für neue Ideen. Die Vernetzung entsteht auch durch die vielen Mitarbeiter, der sich beruflich verändern können, ohne gleich ihren Wohnort wechseln zu müssen. Dadurch wächst ein firmenübergreifendes soziales Netzwerk, das Know-how weiterträgt, die Zusammenarbeit zwischen den Firmen vereinfacht und aus Sicht der Arbeitgeber ein differenziertes Rekrutierungspotenzial darstellt. Die Wurzeln dieses Netzwerks liegen übrigens in der Universität.

Führt die Konzentration vieler Unternehmen auf einem Fleck nicht eher zu mehr Konkurrenz als zu stärkerer Kooperation?

Das Frappierende ist ja, dass viele dieser Unternehmen zwar glauben, miteinander zu konkurrieren, tatsächlich aber bei Kunden und Angeboten nur minimale Bereiche der Überlappung aufweisen. Die stärkere Konkurrenz ist meiner Ansicht nach eher gefühlt als tatsächlich vorhanden. Die Herausforderung des Geo-Clusters in Bonn besteht darin, sich thematisch zu verbreitern und Vernetzungen zu anderen Branchen herzustellen. Dann könnte Kooperation auch faktisch leichter fallen, weil damit die Grundlage existiert, innerhalb des Clusters neue Wertschöpfungsketten abzubilden und die verteilten Fähigkeiten der Unternehmen für größere Projekte zu bündeln.

Nützt ein Cluster auch den Anwendern von Geoinformationen?

Ein bißchen funktioniert ein Cluster wie eine Kneipenmeile. Da geht der Kunde lieber hin, als zur einsam gelegenen Gaststätte am Ende der Straße. Warum? Weil er hofft, auf der Kneipenmeile eher etwas nach seinem Geschmack zu finden, er hat eine größere Auswahl von der Eckkneipe bis zur Sterneküche und das nützt in der Gesamtheit auch den Gastronomen. Übertragen auf die Geoinfomationswirtschaft in Bonn heißt das, wir sollten die „Geobusiness Region Bonn“ zu einer echten Marke aufbauen, die potenzielle Nutzer anlockt, weil sie wissen: In dieser Region werde ich fündig, wenn ich einen Experten für Geoinformationen suche. Und zwar auf jeder Ebene: Den Dienstleister für Standardapplikationen gibt es hier ebenso wie diejenigen, die eine forschungsintensive Aufgabe bewältigen können. Und bekommt ein Anbieter eine Spezialanforderung nicht hin, wird er den benachbarten Experten hinzu ziehen.