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Banken & Versicherungen

Risikomanagement mit geographischen Analysen

Optimal versicherte Versicherung

Banken und Versicherungen können Geodaten genau so benutzen, wie der Handel. Auch hier sind Vertriebsgebiete zurecht zu schneiden und Filialnetze zu optimieren, also Entscheidungen über Standorte und das Angebotssortiment zu treffen. Bei der Versicherungswirtschaft sind Geodaten jedoch auch unverzichtbarer Rohstoff, um überhaupt versicherte Risiken managen zu können. Das wird bei jeden Großschadensereignis vom Sturm bis zur Überschwemmung deutlich. Und wenn es um die Gestaltung von Versicherungstarifen geht, wird der Umgang mit Geodaten richtig kreativ.

Kein Autobesitzer in Deutschland kommt um Geoinformationen herum: Die Regionalklasse seiner KfZ-Haftpflichtversicherung fußt auf raumbezogenen Auswertungen von Unfall- und Schadensdaten. Gleiches gilt für Hausratversicherungen, auch hier fließen raumbezogene Daten über Einbrüche und Diebstähle in die Tarifgestaltung ein. In Regionen mit mehr Kriminalität werden analog zu den höheren Risiken auch höhere Versicherungsgebühren verlangt. Allerdings wertet nicht jede Versicherungsgesellschaft solche Daten individuell aus. Die VST Gesellschaft für Versicherungsstatistik mbH stellt die entsprechenden Informationen zentral für alle Unternehmen bereit.

Autoversicherungen arbeiten schon lange mit Geodaten. Foto: Melanie Vollmert / pixelio.de

Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn so objektiv die Schadensdaten auch sein mögen, vieles hängt beispielsweise von der Wahl der räumlichen Einheit ab, auf die sich Schadensmeldungen und Diebstähle beziehen. Die naheliegende Einteilung der Regionalklassen in der Autoversicherung nach Zulassungsbezirken wäre zum Beispiel denkbar ungeeignet: In den fünf kleinsten – Lahnstein, Eisenach, Birkenfeld, Zweibrücken und Völklingen – sind zum Beispiel rund 1,2 Millionen Fahrzeuge registriert, soviel wie im ganzen Bezirk Berlin.

Eine einzige Regionalklasse Berlin wäre demnach viel zu zu grob, der Übergang zur benachbarten Regionalklasse einen Landkreis weiter viel zu abrupt, die Schwankungen der Versicherungstarife zu stark. Um das zu ändern, nutzt die VST für Berlin etwa Einteilungen in 23 Stadtgebiete, die vor allem versicherungstechnisch homogene Risikogebiete darstellen. Allein in den Zuschnitt der Gebiete der Regionalklassen geht also eine große Menge Know-how aus der Geoinformatik.

Wetterdaten für Versicherungen

Eine immer größere Rolle spielen für Versicherer auch Wetterdaten. Im Jahr 2000 beispielsweise sorgte ein Unwetter in Berlin mit Hagelschlag für zahlreiche Kaskoschäden der Autoversicherer. Damals kamen auf 1000 Policen rund 20 Schadensmeldungen durch Hagel. Normal sind lediglich sieben Fälle pro 1000 Versicherungen. Eine Analyse zeigte, dass die Schadensfälle hauptsächlich in drei Berliner Stadtbezirken lagen, wo das Unwetter offensichtlicher am schlimmsten getobt hatte. Solche raumbezogenen Analysen von Schäden durch Unwetter und Naturereiegnisse sind wichtig, verzerren sie als einmaliges Vorkommnis doch die Statistik der Regionalklassen. Sie müssen also entweder aus dem Monitoring der Schadensverläufe herausgenommen werden oder aber bei einer Häufung als weiterer Faktor Berücksichtigung finden, dann aber überall gleichermaßen.

Das ist vor allem das Geschäft der großen Rückversicherer, also jenen Versicherungs-Gesellschaften, bei denen die Versicherungen ihre Risiken versichern. Die weltweit größte und zugleich eine der ältesten von Ihnen ist die Münchener Rück, die schon 1906 bei dem großen Erdbeben von San Franzisko Schäden in Höhe von 2,9 Millionen Dollar regulierte – immerhin acht Prozent des damaligen Jahresumsatzes des Unternehmens für einen einzigen Schadensfall. Seit 1974 untersucht bei der Münchener Rück eine eigene Abteilung Georisiko-Foschung mit zahlreichen Methoden der Geodatenanalyse die versicherungstechnischen Auswirkungen so genannter Großschadensereignisse wie Erdbeben, Hochwasser, Stürme und Überschwemmungen. Jedes Jahr gibt sie die Weltgefahrenkarte heraus, in der all diese Risiken verzeichnet sind.

Das Erdbeben 1906 in San Franzisko war der erste große Schadensfall für die Münnchener Rückversicherung - rund einen Monatsumsatz kostete die Schadensregulierung.

Die Versicherungen interessiert vor allem, wie sich Schäden und damit ihre möglichen Zahlungsverpflichtungen begrenzen lassen. Ihre Forschungsarbeit geht damit in zwei Richtungen: Begrenzung der zu versichernden Risiken und Begrenzung der tatsächlich entstehenden Schäden. Im ersteren Fall geht es um das individuelle Risikomanagement der Gesellschaften. Dazu werden Informationssysteme aufgebaut, in denen versicherte Gebäude und Sachanlagen raumbezogen analysiert und dargestellt werden können. So wird sichtbar, wie viel eine Versicherung zahlen müsste, wenn eine bestimmte Region von einem einzelnen Großschadensereignis betroffen wäre. Ist eine bestimmte Obergrenze an versichertem Risiko in einem Gebiet erreicht, werden keine entsprechenden Versicherungsverträge in dieser Region mehr abgeschlossen, sondern das Geschäft einem anderen Anbieter überlassen.

Das Ziel ist, die Zahlungsunfähigkeit einzelner Gesellschaften zu verhindern, weil sie zu viel Risiko auf eng begrenztem Raum versichert haben. Stattdessen sollen sich die versicherten Risiken auf möglichst viele Gesellschaften verteilten. Diese Streuung ist eine direkte Konsequenz der Versicherungswirtschaft aus dem San Franzisko Erdbeben. Die Schäden entsprachen seinerzeit knapp zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA und viele Versicherer konnten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Geschädigte gingen häufig leer aus. Heute dagegen könnte die internationale Versicherungswirtschaft nach Meinung von Experten selbst drei Großereignisse dieses Ausmaßes innerhalb eines Jahres wegstecken.

Geodaten zur Schadensminderung

Der Blick auf das Jahrhundertbeben von 1906 offenbart auch die zweite Dimension der Georisiko-Forschung: Die Verhütung von Schäden durch Naturkatastrophen. So weiß man heute, dass es in San Franzisko in erster Linie die nach dem Beben durch die Stadt tobenden Feuersbrünste waren, die am Ende über 80 Prozent der Gebäude zerstörten. Sie konnten auch deshalb nicht gelöscht werden, weil einerseits die Wasserversorgung zusammen gebrochen war, andererseits die Lage der unterirdischen Wasserzisternen lediglich Feuerwehrchef Dennis T. Sullivan bekannt war, der bei dem Erdbeben ums Leben kam. Die Frage nach dem „Wo“ war mal wieder entscheidend. Vor diesem Hintergrund helfen Rückversicherer in aller Wellt Stadtverwaltungen und Katastrophenschutzbehörden ganz eigennützig dabei,  Geoinformationssysteme mit entsprechenden Daten zu füttern, damit im Ernstfall die Auswirkungen von Naturkatastrophen möglichst gering bleiben.

Einen ähnlichen Weg geht in Deutschland auch der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft mit seinem Informationssystem ZÜRS. Das Kürzel steht für Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen und liefert Basisdaten zur Risikobewertung einzelner Gebäude aufgrund ihrer Lage. Das System unterscheidet flächendeckend vier Gefährdungsgebiete von sehr gering (Gefährdungsklasse GK4) bis sehr hoch (GK1). Zahlreiche Geobasis- und Geofachdaten vom digitalen Geländemodell über die Gewässerdaten der topographischen Karten bis zur Hochwasserstatistik sind darin eingegangen. In den als am höchsten gefährdet eingestuften Gebieten (GK1) beispielsweise gibt es statistisch mindesten alle zehn Jahre ein Hochwasser. Aus Sicht des Verbandes ist es den Unternehmen überhaupt erst durch ZÜRS möglich, Versicherungen gegen Hochwasserschäden anbieten zu können. Das System mache die Beiträge risikoabhängig kalkulierbar und sorge dafür, dass über 97 Prozent der Gebäude Versicherungsschutz genießen könnten. ZÜRS ist aber zugleich auch Steuerungsinstrument zur Verhütung von Hochwasserschäden: Schon bei der Bauplanung wird sichtbar, ob und zu welchem Preis eine Versicherung des Gebäudes möglich ist. Das kann Investitionsentscheidungen der Bauherrn beeinflussen.

Kundentypen räumlich zuordnen

Beim Umgang mit Geld unterscheiden Banken zahlreiche Kundentypen, die sich auch räumlich zuordnen lassen. Foto: pelzi / pixelio.de

Eine gänzlich andere Rolle spielen Geodaten im Vertrieb von Banken und Versicherungen. Ähnlich wie im Handel dienen unterschiedliche raumbezogene Daten dazu, Vertriebsgebiete abzustecken oder Filialnetze zu optimieren. Das zur Schober-Gruppe gehörende Bonner Unternehmen Infas Geodaten bietet eigens dazu eine Finanzmarkt-Typologie an, die sechs verschiedene Arten von Bankkunden unterscheidet. Die Typologie reicht vom “souveränen Finanzprofi” bis zum “misstrauischen Finanzkunden”. Es liegt auf der Hand, dass sich ein “souveräner” oder “renditeorientierter Finanzprofi” durch hohe Bank- und Anlageaktivitäten auszeichnet. Er verlangt nach entsprechenden, auf ihn zugeschnittenen Angeboten. Andere Kunden wiederum sind je nach Lebensphase “vorsorgeorientiert” oder “aufstrebend”. Die in einem Stadtteil vorherrschenden Kundentypen lassen sich entweder räumlich darstellen, um deutlich zu machen, welche Art von Geschäften im Einzugsgebiet einer Bank oder Versicherungsagentur zu erwarten sind, oder die Typologie kann über den Schlüssel einer Georeferenzierung mit hohen Wahrscheinlichkeiten vorhandenen Kundenadressen zugeordnet werden, was eine gezieltere Ansprache dieser Kunden ermöglicht.

Zum Stichwort „gezielte Kundenansprache“ passt auch die Idee einiger Autoversicherer, vor allem Fahranfängern eine Art verbrauchsabhängigen Tarif anzubieten, der direkt an die Fahrleistung gekoppelt ist. Dazu wird im Auto des Versicherungsnehmers eine Telematikbox installiert, die mittels Satellitenortung sämtliche Wege des Kunden aufzeichnet und so ein Profil seiner Fahrweise erzeugt. Davon abhängig können Fahranfänger ihren Tarif deutlich senken. Sie zahlen zumeist die höchsten Beiträge, da die Unfallstatistiken ihnen ein höheres Risiko zusprechen. Die Ausnahme von dieser versicherungsmathematischen Regel kann dank Satellitennavigation und Geodaten sichtbar werden. Ob man allerdings alle seine Wege für seine Versicherung aufzeichnen lassen will, muss jeder Kunde für sich entscheiden. Und noch gibt es derartige „Pay as you drive“-Tarife auch nur im benachbarten Ausland.