Tourismus & Reisen
Geodaten in touristischen Informationsportalen
Viele, viele bunte Karten….
Ob zum Vergnügen oder beruflich: Wer auf Reisen geht, wird sich zumeist mit Hilfe von Karten über sein Reiseziel und den Weg dorthin orientieren. Wie in kaum einem anderen Gebiet können digitale Karten im Tourismus- und Freizeitsektor ihre Stärken als populäre Informationsmedien ausspielen. Doch ein umfangreiches touristisches Informationssystem fällt nicht vom Himmel. All die Daten zu Hotels, Restaurants, Wanderwegen und Aussichtspunkten müssen gesammelt und aufbereitet werden. Und soll es grenzüberschreitende Infrastrukturen für geobasierte Informationen geben, die den Nutzer aus Berlin auch in Paris ebenso mit detaillierten Daten zu Theater und Kinoprogrammen versorgt, kann es richtig kompliziert werden.
Nichts sieht einfacher aus, als Geodaten für touristische Zwecke zu erhalten. Das Internet ist voll von kartenbasierten Portalen und digitalen Stadtplänen, die den Reisenden das Leben erleichtern sollen. Jedes Buchungsportal für Übernachtungen, das ein wenig mit der Zeit gegangen ist, hält inzwischen Umgebungskarten zu jedem seiner Hotels bereit, damit sich der Interessent schnell über umliegende Freizeitmöglichkeiten informieren kann. Und in den großen Mapping-Portalen von Google und Microsoft können die Nutzer nach Belieben die Standorte und mit ihnen entsprechende weiterführende Informationen zu Hotels, Restaurants und Ausfugszielen zu- und wegklicken. Die Arbeit der Geoinformationsexperten in diesem Sektor scheint getan.
Doch tatsächlich steckt der Teufel im Detail und viele für Urlauber und Reisende wichtige Daten sind gerade erst auf dem Weg in die digitale Welt. Zum Beispiel die Wegenetze für Wanderer, Radfahrer oder Skilangläufer. Es gibt da zweifellos eine hohe Nachfrage: Die Hälfte aller Urlauber gibt laut Wirtschaftswissenschaftlichem Institut für Fremdenverkehr in München an, in den schönsten Wochen des Jahres zu wandern. Bei den Inlandsurlaubern, die länger als fünf Tage verreisen, sind es sogar zwei Drittel, und wer Reiseziele in Mittelgebirgslandschaften wählt, hat eigentlich kaum etwas anderes vor. Das sind unterm Strich zwölf Millionen Wanderurlauber jedes Jahr allein in Deutschland. Weitere zwei Millionen verbringen ihren Jahresurlaub im Fahrradsattel, ebenfalls vornehmlich im eigenen Land. Soziodemographisch gesehen gehört der größte Teil dieser Menschen zur Gruppe der aktiven 30- bis 50-jährigen jungen und junggebliebenen Familien. Zumindest bei Ihnen sind örtliche Wanderführer und Gruppenreisen an lauschige Plätze weniger gefragt. Das individuelle Naturerlebnis steht stattdessen im Vordergrund.
Pfade und Wanderwege wollen digitalisiert sein
Das ist eigentlich ein großes Potenzial für digitale Wanderführer, die ähnlich wie Navigationssysteme im Auto helfen, sich in unbekanntem Terrain zu Recht zu finden. Allein, es fehlt noch immer an vielen Daten, denn die unscheinbaren Pfade durch Wald und Flur sind längst noch nicht flächendeckend digital erfasst. In Zeiten des interaktiven Mitmach-Webs gibt es deswegen unzählige Portale, in denen sich die Enthusiasten gewissermaßen in Selbsthilfe gegenseitig mit GPS-Aufzeichnungen ihrer schönsten Mountainbike-Touren und Bergwanderungen versorgen. Das setzt allerdings eigene technische Ausrüstung und ein gewisses Know-how voraus. Nichts für Otto-Normalwanderer, der sich seinen digitalen GPS-Wanderführer inklusive kurzer Einweisung in den Gebrauch morgens im Hotel an der Rezeption abholen will.
Tourismusregionen, wie etwa das Allgäu, haben deshalb ihr Wanderwegnetz komplett neu digital erfassen lassen. Den Spaziergängern dort hopste vor einigen Jahren oft ein so genanntes Quad entgegen, ein kleines einsitziges Geländefahrzeug mit motorisiertem Vermesser am Steuer. Er fuhr im Auftrag der zur Region gehörenden Landkreise sämtliche 4.500 Kilometer Wander-, Rad-, und Nordic-Walking-Wege im Allgäu ab und zeichnete diese Touren mit einem professionellen GPS-Gerät auf. Neben der reinen Streckenführung wurden dabei auch zahlreiche Zusatzdaten gesammelt, damit spätere Informationssysteme genaue Auskünfte zu Geh- und Fahrtzeiten, Schwierigkeitsgrad der Strecken, Steigungen sowie Belag und Breite der Wege geben können.
Daten liegen oft verstreut vor
Aber auch wo es keiner neuen Erfassung von Geodaten bedarf, stellen touristische Informationssysteme noch immer eine besondere Herausforderung dar. Sie sind zumeist Projekte der Datenintegration, denn vielfach sind zwar sämtliche Informationen vorhanden, die für einen Reisenden interessant sein können, doch sie liegen verteilt in ganz unterschiedlichen Datenbanken mit ganz unterschiedlichen Strukturen vor. Tourismusportale sollen diese Daten unter einem gemeinsamen Dach zusammen führen. Doch die Erfahrungen aus zahlreichen Projekten haben gezeigt, dass dies an einer zentralen Stelle kaum gelingt. Zu viele Akteure und Datenbestände aus zu vielen Töpfe müssen dafür unter einen Hut gebracht werden, zumal die meisten Daten sehr dynamisch sind und nahezu täglichen Veränderungen unterliegen, etwa die Belegungszahlen von Hotels.
Tourismusportale sind deswegen auch ein Paradebeispiel dafür, wie Geodateninfrastrukturen grenzübergreifend funktionieren können. Den großen Wurf dazu hat vor einigen Jahren das European Media Lab in Heidelberg mit dem Projekt „Deep Map“ durchdacht. Die Wissenschaftler haben sich gefragt, wie man einen intelligenten Touristenführer der Zukunft bauen kann, der sich auch im Ausland auf die jeweilige Landessprache seines Nutzers einstellt, beliebige Datenbanken anzapft, historisches Wissen aufbereitet, Geoinformationen zur Verfügung stellt, all diese Dienste ortsbezogen und personalisiert anbietet und in Bonn ebenso funktioniert, wie in Helsinki oder London. Für jeden einzelnen Anwender soll das System an jedem Ort die Informationen in gleicher Aufmachung und Gewichtung anbieten, je nach persönlichem Profil. Das ist die Vision eines intelligenten touristischen Informationssystems, das in dieser Form bis heute noch nicht existiert.
Spezialagenten gesucht
Gleichwohl haben die Forscher ein paar Antworten auf diese Herausforderung formuliert: Ein Schlüsselbegriff dazu lautet Agententechnologie. Agenten sind kleine, selbstständig agierende Softwarekomponenten, die jeweils ein Spezialgebiet bearbeiten und für dieses Gebiet die Daten liefern. So könnte etwa ein Agent, dessen Gebiet Restaurantinformationen aus Bonn sind, vom Bonner Gaststättenverband betreut werden. Ein weiterer Agent liefert die Geoinformationen des Rhein-Sieg Kreises, ein dritter kennt den Veranstaltungskalender für dieses Gebiet und so weiter. Das große System besteht also aus vielen kleinen, unabhängig voneinander agierenden Systemen. Das Entscheidende ist, dass sich diese lokalen Agenten, je nach Anfrage und Profil des Anwenders ad-hoc in ein Informationssystem integrieren lassen.
Fährt der Nutzer dann beispielsweise in eine andere Stadt, nimmt der mobile Rechner Kontakt zu einem Portal auf und erhält die Informationen über alle dort vorhandenen Agenten. Das System ist also über die Zahl der Agenten frei skalierbar und bietet im Display immer nur Informationen an, die auch tatsächlich verfügbar sind. Spezielle Agentenkommunikationssoftware, so genannte Broker, vermitteln zwischen den Agenten und suchen die vorhandenen Services zusammen und zwar in London genauso wie in Bonn.
Um dabei unabhängig von der jeweiligen Landessprache zu werden, müssen die Services über so genannte Ontologien verwaltet werden. Das sind Wissensmodellierungs-Sprachen, die aus dem Forschungsgebiet der künstlichen Intelligenz stammen. Dort ist zum Beispiel ein Kino nicht als Wort, also als Buchstabenkombination bekannt, sondern für die Agenten inhaltlich definiert. Die Brokersoftware versteht also gewissermaßen, was ein Kino ist. Sie kann daher passende Agenten suchen, ganz unabhängig von der jeweiligen Landessprache. Entscheidend ist lediglich, das alle Agenten untereinander in der gleichen Sprache kommunizieren. Im Bereich der Geodaten ist es daher wichtig, dass alle Information in den Spezifikationen des Open Geospatial Consortiums (OGC) zur Verfügung stehen. Deren Standards sind die Ontologien für Geodaten. Damit verstehen dann alle Agenten, wie ein Geoobjekt definiert ist und können entsprechende Daten suchen und aufbereiten.
Echtzeitinformationen über Verspätungen
Die Vision des Touristenführers der Zukunft macht deutlich, welche Herausforderungen unter der Oberfläche einer digitalen Karte auf die Experten warten können. Das gilt auch für ein anderes Beispiel aus der Welt des Bahnreisens: Echtzeitinformationen über Fahrplanabweichungen auf verschiedenen Kommunikationskanälen an den Fahrgast zu bringen. Auch das ist kein triviales Unterfangen. Das Problem beginnt schon bei der Suche nach einheitlichen Informationen, etwa nach den vorgegebenen Fahrzeiten. Bei der Bahn beispielsweise gibt es je nach Fachabteilung unterschiedliche Daten zu Tunnellängen. Die Spezialisten für die Oberleitungen rechnen anders, als die Gleisbauer. Die Experten für die Fahrpläne haben wieder andere Informationsgrundlagen. Viel Arbeit im Prozess der Datenintegration.
Schwierig gestalten sich auch Mobilitätsportale im Internet, die Wegeplanungen mit dem ÖPNV von Tür zu Tür ermöglichen sollen. Die Standorte aller Verkaufs- und Servicestellen eines Anbieters sind zwar schnell geokodiert und auf einer digitale Karte verfügbar und auch Informationen über Öffnungszeiten und Angebote sind damit leicht zu verknüpfen, ebenso wie Haltestellen und Fahrpläne. Aber gefragt sind auch Umgebungsinformationen der Haltestellen, die genaue Abschätzungen von Weglängen für Fußgänger und Radfahrer oder Angaben über barrierefreie Wege für gehbehinderte und ältere Menschen möglich machen.
Wer also genauer hinschaut, erkennt im Bereich der touristischen Informationssysteme trotz aller bunt glänzender Kartenportale noch gewaltige Aufgaben für die Experten der Geoinformatik. Sie sind gefragt, die jeweils notwendigen Informationen entweder durch geschickte Analysen aus bestehenden Datensammlungen zu entnehmen oder aber zum Ursprung ihrer Tätigkeit zurückzukehren: der Datenaufnahme im Gelände.
























